#08 Werwölfe in der Heiligen Nacht – Zwischen Mythos, Gericht und Schutzgeist
Shownotes
Pünktlich zur Weihnachtszeit widmet sich BRANDWISSEN einem ebenso düsteren wie faszinierenden Thema: Werwölfe – und ihrer ganz besonderen Verbindung zur Heiligen Nacht. Denn laut alten Überlieferungen versammeln sich in den baltischen Ländern Werwölfe in der Christnacht, um durch Dörfer zu ziehen – und Bierkeller zu plündern.
Was klingt wie ein Fantasy-Roman, war im 17. Jahrhundert Gegenstand ernsthafter Gerichtsprozesse. In dieser Folge erzählt Historiker Dr. Martin Pabst, wie Werwölfe im heutigen Lettland nicht nur als furchteinflößende Wesen, sondern teils sogar als Schutzgeister galten – Kämpfer im Dienst Gottes, die den Erntesegen gegen Zauberer, die Diener des Teufels verteidigten.
Dabei geht es um echte Quellen: Um das Werk von Olaus Magnus, einem schwedischen Bischof, und den spektakulären Prozess gegen den 85-jährigen Bauern Thies, der stolz erklärte: „Ich bin ein Werwolf – und ich bin einer von den Guten.“
Eine Folge über Aberglaube, Gerechtigkeit und die Kraft der Geschichten – ideal für eine lange Winter-Nacht. Was ihr in dieser Folge erfahrt:
• Dass sich Werwölfe laut Überlieferung ausgerechnet an Heiligabend verwandeln • Wie ein alter Bauer vor Gericht stolz bekannte: „Ich bin ein Werwolf“ • Warum Werwölfe im Baltikum als Helfer gegen das Böse galten • Was ein Siegelring mit der Geschichte zu tun hat • Und wie Richter damals an interkulturellem Unverständnis scheiterten
Moderation: Jan Prüver
Das Deutsche Kulturforum östliches Europa hat einen eigenen Podcast, den wir euch empfehlen möchten: https://open.spotify.com/show/1DjHqcJPiXTyxfO6gr2rlm?si=1611ae5373884838
Transkript anzeigen
00:00:07: Brandwissen, junge Fragen an kluge Köpfe, der Podcast, der die Neugier entfacht.
00:00:12: Von Pro Wissen Potsdam mit Forschenden aus Brandenburg.
00:00:16: Neugierig direkt und mittendrin.
00:00:22: Herzlich willkommen zu der neuen Folge Brandwissen, dem Podcast der Eure Neuige entfacht.
00:00:26: Egal ob es bluderinstiges Farbewesen oder als Kartenspiel, der Werwolf ist euch vermutlich schon das Öfteren über den Weg gelaufen.
00:00:33: Heute habe ich einen Gast, der sich sehr gut mit Ihnen auskennt.
00:00:35: Dr.
00:00:35: Martin Papst ist Historiker mit dem Schwerpunkt Baltikum und Reformationsgeschichte und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Kulturforum östliches Europa.
00:00:43: Herzlich willkommen!
00:00:45: Kommen wir direkt zur ersten Frage.
00:00:46: Was ist Ihr hauptsächliches Aufgabenprofil beim Kulturforum?
00:00:49: Was machen Sie genau dort?
00:00:51: Ja, also ich bin, wie schon gesagt, für die baltischen Länder zuständig, also für Eastland, Lettland, Litauen.
00:00:57: Und wir beim Kulturforum versuchen, ja, die Kultur der Gegenden im östlichen Europa bekannter zu machen, wo früher mal Deutsche gelebt haben oder heute noch Deutsche leben.
00:01:10: Und in meinem Fall eben den baltischen Ländern ist es früher mal gelebt haben.
00:01:14: Also schwerpunktmäßig für mich die Deutschbalden, also in Estland und Lettland, aber ich beschäftige mich eben auch mit Litau und deutschen Memel-Land.
00:01:23: Und wir haben dann ganze Bandbreite, was wir machen.
00:01:26: Das heißt, wir haben unseren eigenen Verlag mit Büchern zum Thema.
00:01:30: Wir haben unseren eigenen Podcast auch von Asch bis Tipps, aber vor allen Dingen organisieren wir Lesungen, Vorträge, Wanderausstellungen, die quer durch ganz, na ja, fast ganz Europa, aber Ostmitteleuropa und Deutschland reisen.
00:01:44: Und ja, YouTube-Kanal, Zoom-Vorträge versuchen alles zu bespielen, Social Media, um dort ... Wissen zu vermitteln.
00:01:55: Nun haben wir heute das Thema Wehrwölfer auf dem Programm.
00:01:58: Könnten Sie vielleicht mal erläutern, was Sie unter einem Wehrwolf verstehen?
00:02:01: Ein Wehrwolf ist erst mal ein Mensch, der sich in einen Wolf verwandelt.
00:02:07: Warum?
00:02:09: Wie lange?
00:02:10: Auf welchem Weg?
00:02:11: Da gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen in der Menschheitsgeschichte oder europäischen Geschichte.
00:02:19: Und Sie beschäftigen sich ja, wie Sie angesprochen haben, den Ländern im Baltikum.
00:02:24: Was für eine Rolle spielen da die Währwürfe?
00:02:26: Das ist eine spannende Frage.
00:02:28: Wir haben aus der frühen Neuzeit ein berühmtes Werk von Olaf Magnus, einem schwedischen Bischof und Autor, der eine Geschichte, der heute, würde man sagen, Skandinaviens des Ostseeraums geschrieben hat, wo er auch ganz viel Naturgeschichte, also, heute würde man sagen, Biologie, Geografie, Geologie.
00:02:48: schildert.
00:02:49: und da erzählt er eben auch davon, dass gerade im Litauen heutiges Lettland es sehr viele Wehrwölfe gibt und dass die da mehr Schaden anrichten als die eigentlichen Wölfe.
00:03:00: Welche Bedeutung hat dieser Text von Olaf Magnus?
00:03:04: Also dieses Buch von Olaf Magnus, das ist im Original auf Latein geschrieben und das war ja die Sprache, die damals alle gebildeten konnten, so wie heute eben ein zwei für zwei Mal auf Englisch publizieren muss, damit es alle Welt liest.
00:03:18: Und damals gab es ja noch nicht so viele wahnsinnig viele Bücher.
00:03:22: Das heißt, also jeder Gebildete hat das quasi gekannt oder sehr viele viele.
00:03:31: Von quasi Portugal bis Schweden hoch, Italien bis England.
00:03:36: Und deswegen haben also die gebildeten in Europa ihre Vorstellung, wie Skandinavien und das Baltikumse aussehen, alle stützen sich auf dieses Buch.
00:03:46: Und deswegen haben dann also auch die gebildeten in Paris, in Venedig, wo auch immer alle geglaubt, ah, da in Liefland hinter jedem dritten Baum hockten Wehrwölfe, weil's da so viele Wehrwölfe gibt.
00:03:59: Obwohl da nie einer mal selber gewesen
00:04:01: ist.
00:04:02: Sie haben ja auch eine Textstelle daraus mitgebracht.
00:04:05: Wollen Sie da vielleicht was zitieren?
00:04:08: Ja, also es ist total spannend, weil eben ... beschreibt in Preußen, Liefland und in der Litau, also in Litau tun die Wölf ganz ja großen Schaden, dann sie viel Viechs niederreißen und fressen, wann es nur so ein wenig von der Herd hintangeht.
00:04:26: Und dann beschreibt er weiter, dann es versammelt sich allweg ein großer Schad am Menschen, die zu Wölf werden in der Heiligen Christnacht, welche dieselbige Nacht grausamlich wüten, nicht allein wieder das Viech, sondern auch wieder das menschlich Geschlecht selber.
00:04:41: Also, da sind, bei ihm sind die Wehrwölfe echt böse und schlimm.
00:04:47: Und er beschreibt auch, sie laufen in die Bierkeller, saufen ganze Fässer mit Bier und Met aus, nachmals legen sie die leeren Fässer mitten in den Keller aufeinander, indem sie einen Unterschied haben zwischen den anderen Wölfen.
00:05:01: Also, Wehrwölfe tun großen Schaden an, nicht nur an Menschen, Vieh, sondern auch in Bierkeller.
00:05:08: Handelt es sich da um Menschen, die sich für Wehrwölfe halten oder um Angst vor Wehrwölfen?
00:05:14: Also, wenn man Urlaus Magnus liest, dann geht es offenbar nicht um Warnvorstellungen, sondern tatsächlich um Gestaltwandel.
00:05:21: Also, dass die Menschen wirklich sich in echte Wölfe verwandeln.
00:05:25: Die gehen in Keller oder in dichtes Gebüsch im Wald.
00:05:29: Als Menschen gehen sie rein und kommen als Wehrwolf wieder raus, also als Wolf.
00:05:33: Und dann ... gehen Sie wieder zurück in den Keller oder ins Gebüsch und verwandeln sich zurück.
00:05:39: Und wenn Ihnen zum Beispiel, da gibt da eine Geschichte, wenn Sie sich dann unterwegs verletzt worden sind, also als Wolf verletzt worden sind, dann haben Sie diese Verletzung später auch als Mensch.
00:05:52: Um welche Uhrzeit passiert das?
00:05:53: Wahrscheinlich mit der Nacht, oder?
00:05:54: Das ist nachts, ja.
00:05:57: Das ist klassisch und vor allen Dingen ganz wichtig.
00:05:59: Bei Olaf Magnus heißt es ... dass das besonders, die sich tatsächlich zur Heiligen Christnacht, also zu Weihnachten, verwandeln.
00:06:07: Aber nicht nur.
00:06:08: Sehr bekannt ist ja auch der Fall des alten Tiers.
00:06:10: Können Sie den vielleicht mal genauer erläutern?
00:06:12: Das ist im Prinzip die einzig andere Geschichte, die wir kennen.
00:06:15: Ola aus Magnus erzählt generell so Sachbuch, würde man heute sagen.
00:06:19: Und der alte Ties, das ist ein Gerichtsprozess, den wir ganz konkret haben.
00:06:23: Das ist ... Und das ist in der Mitte von Lettland heute eine Geschichte, wo eigentlich ein ganz anderer Prozess, also ein Verhör wegen einer ganz anderen Geschichte, einen Einbruch in eine Kirche stattfindet.
00:06:42: Und da erzählt plötzlich da eine von den Dorfbewohnern, der verhört wird.
00:06:46: So sinngemäßen, ja, da hinten, da steht noch der alte Thies.
00:06:49: Und wenn ihr dem später ein Eid abnehmt, das wird ja lustig, weil der ist ja ein Wehrwolf.
00:06:54: Und dann müssen eben die Richter ermitteln.
00:06:58: Weil Werwolf ist in der damaligen Vorstellung, jemand, der Gestalt wandelt, das geht ja nicht mit rechten Dingen zu.
00:07:07: Normale Menschen können das nicht.
00:07:08: Warum können also Menschen eine andere Gestalt annehmen?
00:07:12: Nach christlicher Vorstellung können die das nur, wenn sie mit dem Teufel im Bunde sind.
00:07:17: Und mit dem Teufel im Bunde sein, heute würde man jetzt eher so an Worte wie Hexerei denken.
00:07:24: Das ist ein Verbrechen.
00:07:26: Das muss von Amtswegen verfolgt werden.
00:07:28: Deswegen machen die einen neuen Gerichtsprozess auf mit diesem alten lättischen Bauern als Angeklagten.
00:07:34: Und wie hat er sich verteidigt gegen diesen Gerichtsprozess?
00:07:37: Das ist genau das, was die Geschichte spannend macht.
00:07:41: Weil, wie gesagt, das ist parallel zu Hexenprozessen.
00:07:45: Die Idee, die wir jetzt alle erst mal haben, ist, du wirst angeklagt, du bist ein Wehrwolf, du bist mit dem Teufel im Bunde.
00:07:52: Was wird man als erstes sagen?
00:07:54: Ich?
00:07:54: Nein, nein, nein, ich bin unschuldig.
00:07:56: Ich doch nicht.
00:07:58: Aber Thies sagt, ich bin ein Werber von den Spinnen stolz drauf.
00:08:01: Und das ist auch richtig so.
00:08:03: Da haben wir dann das Problem, weil das ist das, womit die Richter gar nicht gerechnet haben.
00:08:08: Aber er wird nicht stolz darauf sein, Schandtaten zu begehen oder Menschen zu töten oder zu verletzen.
00:08:14: Vielleicht bringt er auch Segen.
00:08:16: Genau das ist der Punkt.
00:08:17: Weil Thies sieht eben überhaupt kein Problem darin.
00:08:21: Denn er versucht den Richtern jetzt zu erklären, ich bin ein Wehrwolf, aber das ist überhaupt kein Problem, weil wir Wehrwolfe sind die Guten.
00:08:31: Wir sind gar nicht Teufelsdiener, die Teufelsdiener sind die Zauberer.
00:08:35: Und das sind unsere Gegner.
00:08:37: Wir sind auf der Seite der Guten, wir sind auf der Seite Gottes, wir sind die Hunde Gottes.
00:08:42: Und wir kämpfen gegen die Zauberer, um die Bauern vor den Zauberern den Teufelsdienern zu beschützen.
00:08:48: Denn die Teufelsdiener kommen ... und versuchen, den Erntesiegen zu klauen.
00:08:54: Das heißt, wenn die Ernte schlecht wird, die es wenig zu essen gibt, dann ist der Teufel schuld und die Wehrwölfe versuchen das zu verhindern.
00:09:03: Klappt nicht immer, es gibt ja auch Jahre mit schlechter Ernte, aber im Prinzip versuchen die das.
00:09:09: Wie ist die Geschichte ausgegangen?
00:09:10: Hat der Bauers geschafft oder wurde er trotzdem verurteilt?
00:09:14: Ja, das ist eine total schwierig Geschichte.
00:09:17: Wir haben hier so eine Situation ... Lettland vor dreihundertfünfzig Jahren.
00:09:22: Die Bauern sind Letten, aber die herrschende Oberschicht auf dem Land, das heißt also die Adeligen der Pastor und so weiter, die ganze Obrigkeit, das sind Deutsche.
00:09:32: Die Wohnen da zwar auch seit Generationen und so, aber das sind getrennte Volksgruppen.
00:09:37: Das heißt, die Adeligen, die Barone, die auch die Richter darstellen, die wissen gar nicht unbedingt so viel von den Vorstellungen der Bauern.
00:09:46: Und das merkt man jetzt gerade, weil die richtig so heute, würde man sagen, so ein interkulturelles Verständnisproblem haben.
00:09:52: Und die können sich das nicht vorstellen.
00:09:54: Man merkt das richtig, wir haben die Gerichtsprotokolle, die Verhörprotokolle sind erhalten.
00:09:59: Und man merkt richtig, wie die einerseits das total spannend finden, jetzt mal irgendwie was zu erfahren und wie stellen die sich das so vor und so.
00:10:08: Und auf der anderen Seite, wenn es eben darum geht, dass ein Werwolf aber ein guter ist, das geht nicht in deren Kopf rein.
00:10:15: Das können die sich einfach nicht vorstellen und die fangen an immer wieder auf den Ties einzureden und sagen, aber gestehe doch, dass du ein Teufelsdiener bist, weil du ja ein Wehrwolf bist.
00:10:24: Und Ties sagt jedes Mal, nein, ich bin ein guter.
00:10:27: Und dann holen die den Pastor und der soll auf den einreden.
00:10:30: Und dann dieser Ties, der ist u.a.
00:10:32: u.a.
00:10:32: u.a.
00:10:32: u.a.
00:10:33: u.a.
00:10:34: u.a.
00:10:34: u.a.
00:10:34: u.a.
00:10:34: u.a.
00:10:35: u.a.
00:10:35: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:36: u.a.
00:10:37: u.a.
00:10:37: u.a.
00:10:37: u.a.
00:10:37: u.a.
00:10:38: u.a.
00:10:38: u.a.
00:10:38: u.a.
00:10:39: u.a.
00:10:39: u.a.
00:10:39: u.a.
00:10:39: u.a.
00:10:39: u.a.
00:10:40: u.a.
00:10:40: u.a.
00:10:40: u.a.
00:10:41: Du Jungspund, du bist noch noch Grün hinter dir und du hast doch gar keine Ahnung von der Welt, erzählst du mir doch nichts.
00:10:47: Und jetzt haben die so ein Problem.
00:10:49: Diese Richter einerseits kommen die darauf nicht klar, was Tis, wie Tis die Welt sieht und nicht nur Tis, sondern offensichtlich alle Bauern, dass Währwölfe gute sind.
00:10:59: Das kriegen die irgendwie in die Weltbild nicht rein.
00:11:02: Auf der anderen Seite halten die das sowieso alles ein bisschen eigentlich für Arbeit glauben, aber von Amtswegen müssen die ja was machen.
00:11:10: Und erstmals ziehen die das in die Länge.
00:11:13: Weil der eigentlich dazuständige Richter, dieser Teil Lettlands war damals Teil des Schwedischen Reichs, der sitzt in Stockholm, der kommt einfach nicht zur Arbeit quasi, monatelang.
00:11:24: Und die sagen immer, naja, dann warten wir mal, bis der Richter kommt.
00:11:26: Und nach anderthalb Jahren, und der Richter ist immer noch nicht da, seien die okay, irgendwas müssen wir machen, irgendwie für irgendwas müssen wir den verurteilen.
00:11:35: Aber so ein richtiges Geständnis mit Wehrwolf und ja, ich bin böse, weil ich Wehrwolf bin, kriegen die nicht.
00:11:42: Aber sie kriegen ihn quasi ran, weil er auch zugibt, dass er so ein bisschen Wunderheiler ist.
00:11:49: Und dann verurteilen die ihn zu Stockhieben, also der Prügestrafe vor dem ganzen Dorf, damit das auch alle sehen.
00:11:57: Aber die sagen auch gleich, quasi Appellationsinstanz, du kannst auch gleich noch mal ein Lichshören gerichten.
00:12:04: Dopa, Tarto, dass heute Süd-Eastland kann er gleich in die nächste Instanz gehen.
00:12:10: Die versuchen das nach oben abzuschieben, weil die irgendwann merken, die werden das problemlich anders los.
00:12:16: Also gab es im deutschen Raum und im baldrischen Raum unterschiedliche Vorstellungen von einem Wehrwolf.
00:12:21: Ich kann mal sagen, wie ich ihn mir vorstelle, das ist ein großer Wolf, logischerweise.
00:12:26: Vier Fell, blutrünzig, riesige Zähne auf zwei Beinen, auf Richtergang wahrscheinlich.
00:12:31: Und wie Sie schon gesagt haben ... Ein verwandelter Mensch im Prinzip.
00:12:35: Genau, das Letzte darauf können sich beide Seiten einigen.
00:12:38: Also, so der alte Tis, wenn er jetzt hier am Tisch sitzen würde, würd er auch sagen.
00:12:42: Genau, ich werd dann zum Wolf.
00:12:44: Ganz viel Fell.
00:12:45: Normalerweise bin ich ein Mensch.
00:12:47: Aber ... blutrünstig ist er nicht.
00:12:51: Der würde dir jetzt die Geschichte erzählen, wie er ... auch gewalttätig ist, aber nur gegen die Zauberer.
00:12:59: Die treffen sich nämlich in Höhlen.
00:13:01: Weil Hölle und Höhle ist da offenbar irgendwie auch das Gleiche.
00:13:05: Und dann treffen die sich an drei Tagen im Jahr an Lucia, zu Johanni und an Pfingsten und prügeln sich.
00:13:13: Und er erzählt sogar die Geschichte, wie ihm mal ein Zauberer aus einem benachbarten Dorf dabei die Nase gebrochen hat.
00:13:21: Kann es sein, dass er vielleicht diese Abneigung gegen Zauberer auch hat?
00:13:25: Weil ja, Zauberer, Zaubern geht ja eigentlich nicht im Verbund mit dem Teufel, dass da diese ... dass die Connection wieder hergestellt ist?
00:13:34: Das, was wir uns als Negative vorstellen, das sind eben die Zauberer in der Welt von Thies und seinen
00:13:41: Zeiten.
00:13:41: Das hat jetzt nichts mit Zaubern im Prinzip zu tun?
00:13:44: Nee, weil sie die Teufelsdiener sind.
00:13:46: Weil sie den Menschen quasi ja den Erntesegen wegnehmen, also die gute Ernte kaputt machen würden.
00:13:52: Und dagegen, da ist er gegen.
00:13:55: Welche Rolle spielt eine Vorstellung von Werwürfen im Leben der Menschen damals?
00:13:59: Ja, das ist schwierig.
00:14:01: Ich kenne tatsächlich nur diese zwei Quellen.
00:14:04: Da müsste man vielleicht noch mal schauen, ob es irgendwo in der lettischen Ethnografie oder Ethnologie noch heute noch mal andere Forschung gibt.
00:14:13: Aber diese Prozessakte von Thies ist vor über hundert Jahren wiederentdeckt worden.
00:14:20: Und ich wüsste nicht aus der Literatur, dass irgendwo jemand vor, keine Ahnung, siebzig Jahren mal gesagt hat, ich gehe mal zu Volkskunden und frag mal und schau mal, was die lättischen Bauern heute so über Wölfe denken.
00:14:34: Da sind mir keine Forschung bekannt.
00:14:36: Okay, Sie haben auch was mitgebracht zum Thema Werbwölfe.
00:14:45: Das
00:14:45: mitbringen Sie.
00:14:48: Wollen Sie vielleicht mal ... Vorstellen, was Sie bei haben.
00:14:51: Also nicht direkt zum Thema Wehrwolf, aber zu der Gegend, wo der Wehrwolf herkommt.
00:14:55: Und das ist der Ring, den ich trage.
00:14:58: Mhm.
00:14:59: Denn das ist ein Siegelring mit dem Wappen meiner Familie.
00:15:04: Denn die Familie meines Vaters kommt aus Riga.
00:15:07: Das ist anderthalb Autostunden westlich von dem Dorf, wo Tis vor Gericht gestanden hat.
00:15:16: Also das heißt, ich hab selber ... vermiere Wurzeln in Lettland und deswegen kenne ich diese Geschichte überhaupt und deswegen finde ich die auch so schön und spannend.
00:15:26: Könnte ich den Ring vielleicht mal in die Hand bekommen, dass ich mal ein bisschen den Zuhörern hier den Ring beschreiben kann?
00:15:32: Na klar.
00:15:34: Ja also er ist auf jeden Fall gold und hat ein Emblem, also hellblau ungefähr so auf der Oberseite und ist auch relativ Schwer, also gutes Material.
00:15:47: Ja, ich glaub, das ist einfach der Stein.
00:15:50: Also, es ist ein hellblauer Stein, ein Schichtstein, weil da drunter das, was da reingefräst ist, oder wie auch immer, wenn man das richtig nennt.
00:16:00: Da drunter ist es eben dunkler, deswegen hat das einen schönen Kontrast, was ich sehr mag.
00:16:05: Genau, und da drauf ist eben das Wappen, also ein Wappenschild.
00:16:10: Und ordentlicher Raldisch, wie sich das gehört, noch mit ... Modern würde man sagen, Dekod rumrum.
00:16:16: Also eigentlich ist unser Wappen total banal.
00:16:20: Eigentlich drei silberne Stern auf blauem Grund.
00:16:23: Und dann ist da eben noch, wie sich das so gehört, noch ein Helm obendrauf und auf dem Helm noch so Flügel und Bänder drum herum.
00:16:31: Und das Lustige ist, ganz oft Leute, die den zum ersten Mal sehen und die nicht Geschichte studiert haben und sich mit Wappen beschäftigt haben, Die sehen das erste Mal so, weil das alles zu klein ist.
00:16:43: Was ist das für ein komischer Käfer?
00:16:45: Da muss ich immer sagen, das ist kein Käfer.
00:16:47: Käfer
00:16:47: erkenne ich da jetzt auch nicht.
00:16:49: Doch vielleicht so ein bisschen jetzt, muss ich sagen.
00:16:51: Genau.
00:16:52: Aber wenn man vorher schon weiß, dass es ein Wappen ist, dann sieht man das auch gleich.
00:16:57: Ja, vielen Dank.
00:16:59: Gibt es weitere historische Fälle oder Themen aus der Region, die Sie besonders faszinieren?
00:17:03: Also muss jetzt nicht unbedingt auf den Werwölf spezifiziert sein, aber wäre natürlich schön.
00:17:08: Ich hab in meiner Doktorarbeit mich mit der Zeit so hundertsechzig Jahre vorties beschäftigt, nämlich mit der Reformationszeit und der Reformation in Riga.
00:17:19: Und da gibt es eine Quelle, die ich auch total schön finde.
00:17:24: Es gab in Riga die Kompanie der Schwarzhäupter.
00:17:27: Das waren die, heute würde man sagen, die Kaufmanns-Azubis.
00:17:31: Also die Auszubildenden, die unfrei retteten Kaufleute und die sich da zusammengeschlossen haben.
00:17:36: einerseits so zusammen Party zu machen, aber auch als Sozialversicherung.
00:17:41: Wenn einer krank wird, wenn einer stirbt, was weiß ich.
00:17:44: Und die haben auch ein Altar in der Kirche gehabt, wie man das so vor der Reformation hatte, einen eigenen Altar, um dazu einen Schutzheiligen zu beten und so weiter.
00:17:55: Und die sind, alle irgendwie, fanden die Ideen von Luther gut und sind evangelisch geworden und haben sich überlegt, die brauchen diesen Altar nicht mehr.
00:18:05: Und die wollen ihn jetzt abbauen, weil es ist ja ein Wertgegenstand.
00:18:08: Und es gibt in deren Protokollbuch quasi, da heißt es so schön, dass einige fande Bruderin in dullen und unsinnigen Koppel dann in die Kirche gestürmt sind.
00:18:18: Und ich kann mir das so richtig schön vorstellen.
00:18:21: Die haben da zusammengesessen abends, die haben da diskutiert, brauchen wir den Altar noch, brauchen wir den Altar nicht mehr, was machen wir damit?
00:18:27: Und da haben paar, glaub ich, ein paar Bier zu viel getrunken und dass sie einfach ... ziemlich besoffen waren.
00:18:33: Und dann, dass die ganze Situation eben eskaliert ist, weil die das Ding nicht demontiert haben, die haben das kaputtgeschlagen.
00:18:38: Aber dieses mit dem dulden und unsinnigen Koppel, das kann ich mir so schön vorstellen.
00:18:44: Okay, und welche Ratschläge würden Sie jungen Forschenden geben, die sich für historische Volksglaubenfälle interessieren?
00:18:50: Seit Neugierig.
00:18:52: Und seit Klüger als die Richter damals.
00:18:57: Und ... Lasst euch drauf ein, wenn etwas überhaupt nicht so ist, wie ihr euch das bislang mal vorgestellt habt.
00:19:05: Wenn da einer steht und sagt, ich bin Wehrwolf und ich bin nicht böse, dann könnte der vielleicht auch recht haben.
00:19:11: Auch wenn ihr bislang Wehrwolf immer für schlimme und gefährliche Böse gehalten habt.
00:19:15: Und vielleicht noch eine kleine Spaßfrage zum Schluss.
00:19:18: Kennen Sie das Kartenspiel Wehrwolf?
00:19:20: Ja,
00:19:21: natürlich.
00:19:22: Gut im Verleugnen oder eher nicht so?
00:19:25: Ähm ... Ich glaube, ich würde sagen, ich habe so eine Fifty-Fifty-Quote, wenn ich selber Wehrwölfe war.
00:19:32: Also, man hat mich auch gelindlich schon mal gelüncht.
00:19:35: Alles klar.
00:19:36: Heute haben wir uns bei Brandwissen in die Welt der Wehrwölfe begeben.
00:19:39: Mal sind sie blutrünzige Ungeheuer und mal sind sie Kreaturen, die Schutz und Segen bringen, vor allem gegen Zauberer.
00:19:45: Gesprochen habe ich mit Dr.
00:19:46: Martin Papst.
00:19:47: Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.
00:19:49: Sehr gerne.
00:19:50: Und an alle Zuhörer bleibt wachsam.
00:19:51: Vielleicht läuft euch heute Nacht ein Wehrwölfe über
00:19:53: den Weg.
00:20:00: Das war Brandwissen, junge Fragen an kluge Köpfe.
00:20:04: Der Podcast der Eure Neugierentfacht produziert von ProWissenPotsdam in Zusammenarbeit mit seinen Mitgliedern, den wissenschaftlichen Instituten, Universitäten und Hochschulen.
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